(Untitled)

Man merkt schon sehr deutlich, dass die Weltpolitik alles daran setzt, die durch die Pandemie beeinträchtigten Warenströme anzukurbeln und wieder in Gang zu bringen. Bei mir in der Straße merkt man das dadurch, dass DHL- und DPD-Fahrzeuge die Einbahnstraße in beide Richtungen befahren dürfen.

(Untitled)

Kurt Tucholsky soll mal geschrieben haben: „Lass dir von keinem Fachmann imponieren, der dir erzählt: ‚Lieber Freund, das mache ich schon 20 Jahre so!‘ Man kann eine Sache auch 20 Jahre lang falsch machen.“

Et voilà!

(Untitled)

Meine Schwägerin hat gerade zu ihrem Mann gesagt: „Ich habe dir gerade ein paar Artikel in der Brigitte markiert. Da geht’s um Fett.“

Es klingt nach einer guten Grundlage für ein Musical.

(Untitled)

Mit der Impfterminvergabe ist es ein bisschen so wie bei den Studierenden, wenn sie am Anfang des Semesters ihre Kurse wählen müssen. Nur dass man bei der Impfung nicht mal die Termine am Montagmorgen bekommt.

(Untitled)

Man guckt ja viel aus dem Fenster in diesen Zeiten. Da lernt man dann auch viel über aktuelle Trends. Der neueste Shit ist offenbar, gegen die vorgeschriebene Fahrtrichtung rückwärte durch Einbahnstraßen zu fahren. Da schwimmt man gegen den Strom, kann aber trotzdem schnell abhauen.

(Untitled)

Alle paar Jahre gerate ich ja unrühmlich mit irgendeiner einer alten Frau an einer Bushaltestelle aneinander. Vielleicht ist das der letzte Rest eines langsam verschwindenden, tausende Jahre alten Fluchs, der auf meiner Familie liegt. Wer weiß. Jedenfalls lief ich dieser Tage am frühen Abend durch die Gegend und kam dabei an einer Bushaltestelle vorbei, die ich nicht einmal plante, in Anspruch zu nehmen. Ich trug einen Mund-Nase-Schutz, wie man das heutzutage ja so macht.

An besagter Bushaltestelle stand eine säuerlich dreinblickende ältere Dame, wartete offenbar auf einen Bus. Die Frau trug keinen Mund-Nase-Schutz. Sie wurde meiner gewahr. Warum auch immer sie sich gerade mich erwählte, um ihrer offensichtlich schlechten Laune Luft zu machen, ist unklar, aber vielleicht lag es an meiner Maske. Oder halt am Fluch.

Jedenfalls raunzte sie mich – mit so weit nach unten gezogenen Mundwinkeln, wie ich es seit Jahren nicht mehr gesehen habe – unvermittelt an: „Junger Mann, nun setzen Sie doch die Maske ab, damit man sich nicht so erschreckt!“ Ich antwortete (wie leider so häufig ohne Impulskontrolle): „Setzen SIE doch bitte eine Maske auf, damit man sich nicht so erschreckt!“

Es wurde nicht goutiert.

(Untitled)

Neunzehn. Das ist ja kein richtiges Alter. Das ist so dazwischen. Nix halbes, nicht fleisches. Auch für son Weblog. Nee, da muss mindestens noch ein Jahr bei. Oder besser noch zwei. Damit es auch in den Vereinigten Staaten saufen kann. Wenn es die dann noch gibt.

(Untitled)

Manchmal haben ja auch die Süddeutschen ganz schöne Wörter. Ich mag zum Beispiel das Wort „strunzen“ sehr gerne. Je nach Gegend und Zusammenhang soll es „pissen“ oder sowas wie „angeben“ oder „prahlen“.

„Da war er dann ziemlich am rumstrunzen.“ Klingt sehr gut, finde ich.

(Untitled)

Läuft Termo so samstagabends an ’nem Studentenverbindungshaus vorbei, wird da doch tatsächlich lautstark und emotional bei offenem Fenster diskutiert und erregt gestritten. Und zwar darüber, ob es sich lohnt, ne Rolex zu kaufen oder nicht.

(Untitled)

Der freundliche medizinische Hilfsmensch attestierte mir heute morgen beim Blutabnehmen etwas schwärmerisch eine „traumhafte Vene“. Man muss in diesen Zeiten die Komplimente nehmen wie sie kommen.

(Untitled)

Meine aktuellen Zahnarztstudenten waren wieder mal begeistert von der schönen Form meiner Zähne. Man war voll des Lobes und konnte sich gar nicht sattsehen. „Guck mal hier, selbst der kleine Höcker auf Zahn Nummer soundso ist noch vollständig da. Da ist noch überhaupt nichts abgenutzt! Wie im Lehrbuch!“

Dazu passte dann aber auch, was meine Hausärztin mir anriet: „Sie dürfen beim Essen nicht so schlingen! Sie müssen mehr kauen!“

Man kann es halt nicht allen recht machen.

(Untitled)

Seitdem ich neuerdings Fußball wieder über Antennenfernsehen gucke (die neueste Variante ist, glaub ich, DVB-T2), bin ich auf einmal der erste in der Reihe derer, die das TV-Signal empfangen. Es ist sehr schön zu hören, wie sich der Jubel oder das Entsetzen wellenartig durch die Nachbarschaft verbreitet. Da gibt es die Leute von nebenan, die nur etwa zehn Sekunden in Verzug sind. Ein Stückchen weiter weg ist eine Gruppe beheimatet, die so um und bei dreißig Sekunden Verzögerung ertragen muss. Und irgendwo in der Ferne hört man dann die armen Seelen, die eine Minute hinterher sind.

Ob man wohl, wie beim Gewitter, durch Sekundenzählen die Entfernung abschätzen kann?

(Untitled)

Damp ist ein Ort ganz nach meinem Geschmack. Man nehme einen der schönsten Fleckchen Erde, die in Deutschland zu finden sind, und pflastere ihn mit einer breiten Auswahl der hässlichsten Architektur zu, die das menschliche Hirn ersinnen kann. Wunderbar.

(Untitled)

Wahlplakate sind ja sowieso schon so ne Sache. Auf dem handelsüblichen Wahlplakat sieht meiner Meinung nach auch der normalste Mensch wie ein Verbrecher aus. Aber bei folgendem musste ich zweimal hinsehen, um zu erkennen, dass es sich um ein Wahlplakat handelt und nicht um eine Reklame für ein junges, dynamisches Krematorium.

(Untitled)

Wochenmarkt ist ja leider auch immer so unangenehme Erfahrung: Früh morgens, Menschenmassen und dazu kriegsähnliche Zustände. Wenn ich mich einmal auf einem Wochenmarkt wiederfinde, dann nur, weil ich durch Umstände dort ungeplant hineingeraten bin.

Ich meine, eigentlich ist das ja nicht so ne schlechte Sache. Frische Waren und so, direkt vom Landwirt oder Apfelzüchter. Mein subjektives Gefühl entspricht allerdings immer eher dem eine Labyrinths in einem Dungeons&Dragons-Spiel. Irgendwie durchkommen und überleben, nur gibt es nichts zum plündern.

Neulich fand ich mich am frühen Morgen in der Situation wieder, dass zwischen der Bushaltestelle, an der ich gerade ausgestiegen war, und dem Ort eines Termins, zu dem ich unterwegs war, ein ausgedehnter Wochenmarkt lag. Gut, natürlich hätte ich einen Umweg nehmen und drumherum gehen können. Aber man denkt sich dann ja doch immer: „Ich gebe doch jetzt nicht jeder kleinen Sozialphobie nach! Wo kommen wir denn da hin?“

Also mit den richtigen Strategie quer durch. Man darf nicht zu langsam gehen, damit man nicht zu interessiert an irgendeiner Auslage erscheint, aber auch nicht zu schnell, weil man dann unangenehm auffällt. Und meistens kann man auch gar nicht allzu schnell laufen zwischen den Menschen.

Noch bevor man aber den eigentlichen Wochenmarkt betreten hat, ist in der Regel das erste Hindernis zu überstehen. Man wird von einer oder mehreren Personen mit selbstgemachter Musik beschallt, gerne von Akkordeon oder Flöte, manchmal Drehorgel. Ungeachtet der Qualität wird man erst mit erwartungsvollem Hundeblick belegt und dann mit vorwurfsvoller stiller Verachtung überschüttet, wenn man entkommen ist.

Auf dem Markt selber hat man es dann mit zwei Sorten von Gegnern zu tun: Den Verkäufern und den Kosumenten. Das Überleben ist nur möglich, weil diese beiden Gruppen nicht gemeinsam gegen einen vorgehen, sondern vor allem miteinander zu tun haben. Die Verkäufer sind dabei ganz unterschiedlichsten Typs. Am unheimlichsten finde ich es immer, wenn man versehentlich den Blick eines Schlachters auffängt, der überlegen und herausfordernd auf seinem großen Berg toter Tiere hockt und einem zu sagen scheint: „Dich krieg ich auch noch.“

Auch eine besondere Spezies sind die sehr spezialisierten Händler. „Na? Willst du Honig? Jeder will Honig! Kauf meinen Honig! Meine Bienen sind die Besten.“ Gefährlich ist aber die Masse still miteinander verbündeter Verkäufer, die alle die gleiche unsinnige Ware in rauen Mengen und überprominent in ihre Auslage haben, damit die Laufkundschaft auf jeden Fall begreift, dass man das Zeug unbedingt benötigt und besser auf Vorrat kauft. Ich ertappte mich neulich selber bei dem gefährlichen Gedanken: „Oh super! Heute Mittag mache ich eine schöne herzhafte Tannengrünsuppe. Und morgen auch! Und übermorgen auch.“

Bösartiger sind aber die Besucher des Marktes, nicht die Verkäufer. Trotz großer Vorsicht wurde ich neulich zweimal mit einem Rollator angefahren. Und einmal bekam ich sogar Anschiss dafür, dass die ältere Dame mir in die Hacken gefahren war. Um zu überleben, muss man eiskalt die Schlacht zwischen der Laufkundschaft und der Händlern oder zwischen den Kunden untereinander ausnutzen. Wenn zum Beispiel eine ältere Dame moniert, dass in der letzten Woche eine Kartoffel nicht gut gewesen sei, dann sind viele destruktive Energien ein paar Momente gebunden.

Eine gefährliche Ecke habe ich neulich rasch überbrücken können, weil eine gut gekleidete Dame mittleren Alters offenbar nicht zusammen mit dem gemeinen Volk die Ware von der Verkaufsseite der Stände begutachten wollte, und daher um den Stand herum ging und sich zur Prüfung der Produkte neben den Händler stellte. Dieser war zunächst verdattert, aber die anschließende aufsehenerregende Empörung konnte ich geschickt nutzen, um den Endboss zu umgehen. Beim Verlassen des Marktes hörte ich nur noch in der Ferne: „Was würden Sie denn sagen, wenn ich einfach so früh morgens durch Ihr Wohnzimmer laufen würde?“