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Ich habe gerade die traurige Nachricht bekommen, dass die Universität pandemiebedingt das Seifenlager vorübergehend geschlossen hat und die Seifenausgabe sich somit verkompliziert. So beginnt der Untergang der Zivilisation.

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Als eine Strategie, die Motivation der Studierenden langfristig auf einem hohen Niveau zu halten, wird immer wieder eine Gamification des Studiums diskutiert. Das trägt nun erste Früchte, wie ich gestern erleben durfte. Ich hörte einen Studenten über eine VWL-Klausur berichten, die was für Noobs sei. Man brauche keinen Skill und es würden sowieso alle cheaten. Die Makro-Klausur sei dagegen vollkommen IMBA.

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Die Geschichten aus der Universitätsbibliothek sind immer die besten. Neulich im Foyer umlagerte eine Gruppe junger Frauen einen etwas wunderlich aussehenden Kerl. So vom Typ Künstlerhipster, aber nicht wirklich viel älter als die Damen. Er berichtete, mit einem undefinierbaren Akzent, von all den Dingen, die er in seinem Leben schon gemacht hat. Natürlich Backpacking in aller Welt, freier Straßenkünstler, selbständig war er auch schon mal und sowat alles. Auch als Stripper und Escort-Mann habe er schon gearbeitet. Nicht weil er gemusst hätte, wie er der ihn mit großen Augen anstarrenden Zuhörerschaft versuchert. Nein, weil er gewollt habe. Weil er was neues habe ausprobieren wollen.

Schließlich fragt ihn eine der Frauen: „Was studierst du eigentlich?“ Er antwortet: „Ich studiere nicht.“ Eine der Frauen wird nun etwas skeptisch und fragt stirnrunzelnd, warum er denn dann in der UB rumhänge. Er ist sehr ehrlich und sagt: „Hier lerne ich am einfachsten Frauen kennen.“

Die Skeptische öffnet den Mund, doch bevor sie etwas entgegnen kann, ruft eine der übrigen Frauen begeistert: „Das ist voll klug!“

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Hat son bisschen was von diesem Murmeltierfilm hier. Immer, wenn dieser uralte Kerl im Lesesaal der UB sitzt, klingelt irgendwann unglaublich laut sein Mobiltelefon. Und dann braucht er ein paar Minuten, um zunächst zu bemerken, dass es klingelt und um es schließlich auszubekommen.

Neulich dachte ich erst, das Klingeln gehöre zu dem Hörspiel, dass ich nebenbei hörte. Aber als Justus Jonas im Hörspiel schon abgenommen hatte, klingelte es immer noch weiter. Und nun hat der gute Mann sich me Reihe vor mich gesetzt. Ich glaube, ich organisiere mir irgendwo ne Kuhglocke und erschreck den mal genau so, wie er mich immer schreckt. So als Erziehungsmaßnahme.

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Offenbar sind nicht alle Leute so glücklich mit dem Neubau für die Juristische Fakultät, wie an diesem Plakat an der Baustelle zu lesen ist. Die Stilebene der Wortmeldung lässt eindeutig auf Angehörige der Universität schließen, nur dort drückt man sich so gewählt aus.

Institut für Hurensöhne

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Zu einem meiner Lieblingsplätze in der Universität hat sich ja mittlerweile die Cafeteria in der Zentralbibliothek entwickelt. Dieser Ort scheint zu einer Art neutralem Hafen geworden zu sein, von jeder hinkommen kann und sagen darf, was er will und wo es ihn auch nicht schert, wer das alles zu hören kriegt.

Ich wunderte mich zum Beispiel, warum sich neulich zunehmend die plumpe Witze reißende Jogginghosenfraktion ausgerechnet immer mehr in der Bibliothek zusammenrottete. Bis ich eines Abends kurz vor Toresschluss (da gibts immer die Restbrötchen billig) mit einem Ohr mitbekam, wie einer dem anderen erklärte, dass Frauen, die viel lernen, weniger Selbstvertrauen haben. Daher seien sie leichter „klarzumachen“. Ob dieser Plan in der Bibliothek von Erfolg gekrönt war, ließ sich aber nicht mehr feststellen. Irgendwie hatte es sich nämlich rasch wieder ausgejogginghost.

Auch gut war eine Truppe von mutmaßlichen Jura-Studierenden (will ich aber nicht beschwören). Die Jungs unterhielten sich lautstark über die Vorteile von Ritalin und spekulierten darüber, wie sie wohl an die nächste Dosis kommen würden. Dabei fiel folgender denkwürdiger Satz: „Ich frage einfach mal meinen Hausarzt. Dass ich keine Lust zum Lernen habe, zeigt ja eigentlich schon, dass ich krank bin. Dann muss er mir das ja eigentlich verschreiben, oder?“ Nun…

Erheiternder war da schon eine Gruppe junger Frauen, die sich offensichtlich nach der vorlesungsfreien Zeit zum ersten Mal wieder traf. Das war ein Gejuchze und Gekicher, Geqietsche und Geknutsche. Und dann fingen sie an, sich auszuziehen, um ihre Bräunungsstreifen aus den jeweiligen Urlaubsreisen zu vergleichen. Wo auch, wenn nicht in der Cafeteria?

Aber auch das Lehr- und Forschungspersonal kommt in den heiligen Hallen der Bibliothekscafeteria gerne zusammen. Das ist zwar in der Regel nicht so witzig, ersetzt aber so manche Vorlesung. Kürzlich habe ich während eines kleinen Kaffees eine Menge über Luther-Editionen gerlernt. Oder über das Ende des Osmanischen Reichs und die altgriechischen Wurzeln des Namens Instanbul.

Der wirkliche echte Humor hält aber sowieso erst dann Einzug, wenn die Studentenwerksmitarbeiter aus der Vorratsabteilung über den kleinen Raum herfallen, um Nachschub zu bringen. Die beklagen sich nämlich dann fortwährend, wie schwer sie es haben. Jüngst musste einer Der Männer zu Boden gehen, um einen Kühlschrank mit neuen Fressalien zu bestücken und sagte dabei in Mitleid erregendem Tonfall: „Ach ach. Jetzt muss ich mich bei der Arbeit auch noch hinknien.“ Sagt der andere: „Nur hör auf zu jammern, das machst du doch gerne. Wie zuhause bei deiner Frau.“

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Die Vorlesungszeit hat wieder begonnen. In meinem aktuellen Seminar sitzt auch eine Studentin, die schon im vergangenen Semester eine Veranstaltung bei mir besucht hatte. Sie stimmte die Neuen dann auch gleich darauf ein, was sie bei mir zu erwarten haben: „Ey, im letzten Semester waren wir nur Mädels im Kurs, aber die einzige Feministin, das war Temmo!“

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Man braucht ja immer was, um sich von anderen abzugrenzen. An der Uni ist man dem Druck, diese Abgrenzung immer darzustellen, ganz besonders ausgesetzt. Man muss nicht nur unmissverständlich zur Schau stellen, dass man nichts dem gemeinen Plebs von der Straße zu tun hat. Es ist sogar noch wichtiger, fortwährend alle wissen zu lassen, dass man auch innerhalb der Uni bzw. der akademischen Welt zur Elite gehört. Jedes Fach ist natürlich das einzig Wahre. Nur die Mediziner halten sich da raus, die haben da keine Zeit zu.

Je geringer die Aussichten auf ein fürstliches Salär im späteren Berufsleben sind bzw. je größer die soziale Isolation und Mobberei vor der Aufnahme des Studiums waren, umso höher ist die Chance, auf ganz wunderliche Stilblüten dieser Abgrenzung zu stoßen.

Heute zum Beispiel der junge Kerl in der Uni-Cafeteria. Einer meiner Favoriten der letzten zehn Jahre. Statt „einen Moment bitte“ oder „eine Sekunde bitte“ oder „sofort“ oder dergleichen sagte er immer „ein Sekundus“.

„Hast du was zum Schreiben?“ – „Ja, ein Sekundus bitte. Hier hast du was.“
„Willst du noch einen Kaffee?“ – „Ein Sekundus, ich muss noch austrinken.“
„Wir gehen schon mal rüber, was ist mit dir?“ – „Wenn ihr ein Sekundus wartet, dann komme ich gleich mit.“

Ich hätte noch stundenlang zuhören können.

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Es mag an mir liegen, oder aber an der finsteren Zeit, in der wir leben,  aber dieses Ensemble auf dem Campus der Universität – unweit der Hauptbibliothek – sieht aus wie das Familiengrab einer Mathematiker- oder Informatiker-Dynastie.

Mathematikergrab

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Es ist mal wieder Prüfungszeit. Das treibt ja immer wieder ganz besondere Blüten, aber da könnte ich hier Seiten drüber schreiben. Das verschiebe ich auf ein andermal. Und ich muss das ja seit geraumer Zeit auch von der anderen Seite des Schreibtischs aus erleben, das ist zumindest ein wenig weniger stressig.

Ich wollte eigentlich nur auf eine kleine Begebenheit hinaus, die mir beim mittagspäuslichen Herumlungern in der Sonne hinter den Seminargebäuden unterkam. Einige Studentinnen und Studenten auf dem Rumlungerplatz nebenan diskutierten nämlich rege über eine versemmelte Prüfung.

Ein Mädel analysierte schließlich eiskalt, aber nur eingeschränkt selbstkritisch: „Vielleicht war ich zu schlau.“ Das ist leider gar nicht mal so unwahrscheinlich.

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In der Uni weht in letzter Zeit ein anderer Wind. Ich höre aus den Reihen der maskulinen Minderheit vermehrt laut gegröhlte Sprüche vom Kaliber: „Meine Olle kann französisch, nur mit der Sprache hapert es noch!“ Ob das daran liegt, dass sie hier gerade eine Romanistik aufbauen?

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Als guter Dozent, der ich nun mal bin, verlegte ich heute anlässlich der durchaus warmen Wetterlage meinen Kurs nach draußen. Insbesondere der weibliche Teil der Teilnehmerschaft zeigte sich begeistert davon, „gleichzeitig braun werden und an einer Uni-Veranstaltung“ teilnehmen zu können.

Wie wird einem aber solch ein Einsatz vom Schicksal schließlich gedankt? Mitten beim inbrünstigen Dozieren schiss mir ein Vogel auf den Kopf. Ich konnte meine Autorität und die Situation nur dadurch retten, dass ich für nächste Woche einen Vokabeltest ankündigte.

Hoffentlich regnet und stürmt es dann.

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Aufmerksame Mitarbeiter haben die Türklinke in der UB, an der ich immer einen elektrischen Schlag bekommen habe, mit Isolierband umwickelt. Sehr löblich. Wenn sie jetzt noch Bluthunde anschaffen, die störende Gründlandbearbeiter vor den Fenstern vertreiben, dann bin ich fast wieder milde gestimmt.

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Ich erinnere mich wieder, warum ich während meines regulären Studiums so wenig Zeit wie möglich in der zentralen Abteilung der Kieler Universitätsbibliothek verbracht habe: An jeder Türklinke kriege ich nämlich einen elektrischen Schlag. Wie damals im Bundestag.

Außerdem kräht hier immer irgendwo ein Hahn…