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Man braucht ja immer was, um sich von anderen abzugrenzen. An der Uni ist man dem Druck, diese Abgrenzung immer darzustellen, ganz besonders ausgesetzt. Man muss nicht nur unmissverständlich zur Schau stellen, dass man nichts dem gemeinen Plebs von der Straße zu tun hat. Es ist sogar noch wichtiger, fortwährend alle wissen zu lassen, dass man auch innerhalb der Uni bzw. der akademischen Welt zur Elite gehört. Jedes Fach ist natürlich das einzig Wahre. Nur die Mediziner halten sich da raus, die haben da keine Zeit zu.

Je geringer die Aussichten auf ein fürstliches Salär im späteren Berufsleben sind bzw. je größer die soziale Isolation und Mobberei vor der Aufnahme des Studiums waren, umso höher ist die Chance, auf ganz wunderliche Stilblüten dieser Abgrenzung zu stoßen.

Heute zum Beispiel der junge Kerl in der Uni-Cafeteria. Einer meiner Favoriten der letzten zehn Jahre. Statt „einen Moment bitte“ oder „eine Sekunde bitte“ oder „sofort“ oder dergleichen sagte er immer „ein Sekundus“.

„Hast du was zum Schreiben?“ – „Ja, ein Sekundus bitte. Hier hast du was.“
„Willst du noch einen Kaffee?“ – „Ein Sekundus, ich muss noch austrinken.“
„Wir gehen schon mal rüber, was ist mit dir?“ – „Wenn ihr ein Sekundus wartet, dann komme ich gleich mit.“

Ich hätte noch stundenlang zuhören können.

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Kieler-Woche-Zeit ist Bekloppte-Bemerkungen-Belauschen-Zeit.

Heute: „Ellen! Ellen! Ellen! Ellen! Ach, das ist ja gar nicht Ellen. Steve! Steve! Steve! Steve!“

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Kieler-Woche-Zeit ist Bekloppte-Bemerkungen-Belauschen-Zeit. 

Heute: „Nee, hier kaufe ich keine Hotdogs! Bei Ikea sind die fuffzich Zent billiger!“ 

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Kleines Kind im Supermarkt trottete geistesabwesend seinen Eltern hinterher und murmelte versonnen: „Schnapsschnapsschnapsschnapsschnaps…“

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Es ist mal wieder Prüfungszeit. Das treibt ja immer wieder ganz besondere Blüten, aber da könnte ich hier Seiten drüber schreiben. Das verschiebe ich auf ein andermal. Und ich muss das ja seit geraumer Zeit auch von der anderen Seite des Schreibtischs aus erleben, das ist zumindest ein wenig weniger stressig.

Ich wollte eigentlich nur auf eine kleine Begebenheit hinaus, die mir beim mittagspäuslichen Herumlungern in der Sonne hinter den Seminargebäuden unterkam. Einige Studentinnen und Studenten auf dem Rumlungerplatz nebenan diskutierten nämlich rege über eine versemmelte Prüfung.

Ein Mädel analysierte schließlich eiskalt, aber nur eingeschränkt selbstkritisch: „Vielleicht war ich zu schlau.“ Das ist leider gar nicht mal so unwahrscheinlich.

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In der Uni weht in letzter Zeit ein anderer Wind. Ich höre aus den Reihen der maskulinen Minderheit vermehrt laut gegröhlte Sprüche vom Kaliber: „Meine Olle kann französisch, nur mit der Sprache hapert es noch!“ Ob das daran liegt, dass sie hier gerade eine Romanistik aufbauen?

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Gestern glaubte ich zunächst, eine neue Redensart gelernt zu haben, wie sie von jungen Leuten benutzt wird. „Etwas von Bullerbü erzählen“, im Sinne von „jemandem was vom Pferd erzählen“, also irgendwelchen Unsinn von sich geben.

Ich musste aber bald feststellen, dass es irgendwie anders gemeint war. Die Aussage des jungen Mannes, dass er nicht mehr wolle, dass ihm „die alten Leute immer einen von Bullerbü erzählen“, war nämlich offensichtlich vollkommen ernst gemeint.

Die Sinnhaftigkeit des Anliegens blieb zunächst nebulös, da der junge Gesell nachdrücklich glaubhaft machte, dass er nichts mehr von schleswig-holsteinischer Geschichte und Bullerbü hören wolle. Immer würden die alten Leute in einem nahen Altersheim darüber reden wollen, also gehe er da nicht mehr vorbei. Er wisse jetzt wahrlich genug über die lokale Historie.

Als ich gerade begann, an der geistigen Gesundheit des Mannes zu zweifeln, stellte sich heraus, dass doch nur eine simple (?) Verwechslung vorlag.

Gemeint war nicht Bullerbü, sondern Haithabu.

(Wer kennt ihn nicht, Astrid Lindgrens Klassiker „Die Kinder von Haithabu“?)

Ich glaubte dann erst einmal doch nur an eine kurzzeitige Verwirrung des jungen Mannes. Als er aber schließlich auch noch Dachlatten mit Fußleisten verwechselte, erkannte ich ein System…

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Soll ich Angst bekommen oder mich besonders gut aufgehoben fühlen, wenn der Fernbusfahrer entnervt sagt: “Ey, Hamburg ist immer ne Katastrophe! Da könnte ich ’ne Bombe reinschmeißen. Dann kann ich da auch endlich einfach geradeaus durchfahren.“

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Heute in einer durchschnittlichen Warteräumichkeit. Ein älterer Herr greift gelangweilt nach einer x-beliebigen Zeitschrift. Er blättert ein wenig drin herum, schüttelt den Kopf und brummelt angwidert „Krankenhauskeime!“ in seinen Bart. Er wird das Blätterwerk wieder auf den Stapel und sagt halblaut zu sich selbst: „Dann lieber ein Alkoholproblem.“

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Nachdem die Sprechstundenhilfen heute beim Arzt von einem aufgebrachten Patienten in einer exotischen Sprache wüst beschimpft wurden, fürchteten sie, sie seien verflucht worden.

Das sind also die wissenschaftlichen Standards im deutschen Gesundheitswesen.

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Dat schönste an den lauen Sommernächten ist ja, dass sich alle Nachbarn im Block bis spät in der Früh auf ihren Balkonen tummeln. Die akustischen Eigenschaften dieses Innenhofes haben aber nun mal zur Folge, dass man jedes Räuspern überall hört, selbst wenn der rebellische Opa von gegenüber wieder lautstark Andrea Berg in Dauerschlaufe laufen hat.

Man schnappt also zwangsläufig einiges auf. Alles hier niederzuschreiben, würde sowohl den Rahmen sprengen als auch den Datenschutzbeauftragten auf den Plan rufen. Zu meinen Favoriten gehören aber eindeutig die beiden Damen, die sich offenbar bei einer Party im Nachbarhaus auf dem Balkon kennenlernten, dabei erkannten, dass sie aus derselben Stadt stammen, damals mit dem gleichen Typen gepennt haben und sich beide heute nicht mehr sor echt daran erinnern, ob es denn wenigstens gut war, da sie beide während des Aktes ordentlich einen im Kahn hatten.

Weniger spektakulär, aber dennoch durchaus unterhaltsam, war eine andere Begebenheit, bei der jemand auf seinem Balkon über seinen Nachbarn schimpfte. Der saß aber nur einen Balkon darüber und nachdem er sich das eine Weile angehört hatte, rief er runter, dass er alles hören würde und man solle doch rauf kommen, wenn man ein Problem habe.

Hoffentlich hört unser Nachbar uns auch mal beim Lästern.

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Es wird ja viel über das angeblich so mangelhafte Welt- und Allgemeinwissen der nachwachsenden Generationen geklagt. Ich halte das für Quatsch. Die filtern und organisieren ihr Wissen nur anders. Das ist gut an folgender Begebenheit zu ersehen, deren Zeuge ich bei einem Spaziergang an der Kieler Förde werden durfte.

Zwei Jungs – gar nicht mal so jung, vielleicht so zwölf oder dreizehn Jahre – stehen am Wasser. Der eine blickt nachdenklich auf die Kieler Förde, kratzt sich am Kopf und sagt schließlich: „Ein Ozean ist das ja nicht, oder?“

Der andere stimmt ihm zu: „Nein, bei einem Ozean kann man ja die andere Seite nicht sehen.“

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Im Nachbarhaus steht jemand auf dem Balkon und brüllt: „Kommt alle her! Wir wollen hier ne Orgie feiern und brauchen noch ein paar Leute!“

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Heute kamen mir ein alter Mann und eine noch ältere Frau entgegen. Sie bugsierte ihren Rollator mit einem Affenzahn über den Bürgersteig, dass man sich seines Lebens nicht mehr sicher fühlen konnte. Er kam kaum hinterher und rief nur verzweifelt: „Mama, du musst rechts fahren!“

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Gezwungenermaßen belauschtes Gespräch im Bus:

A: „Der hat die entjungfert und ’ne Woche später hat sie ihn verlassen.“
B: „Ja, sie hat ihn in der Zeit ja auch fünfmal betrogen.“
A: „Was? Nee!“
B: „Ohne Scheiß, ich war doch live dabei!“

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Klischeekonferenz im ärztlichen Wartezimmer.

Rechts von mir eine rundliche Mutter, die ihr quengelndes und nörgelndes Kleinkind nicht gebändigt bekommt. Bis es sich schließlich aufs Maul legt und noch mehr brüllt als vorher. Die Mutter meint dazu nur in vorwurfsvollem Tonfall: „Siehst du? Das hast du davon, dass du nicht auf mich hörst, John-Luca!“

Links von mir eine abgerissene und sehr kränklich wirkende Gestalt, die vor sich hin hustet und röchelt und schließlich zu sich selber sagt: „Man man man, ich glaube, das letzte Bier war nicht gut.“