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Vielleicht noch als kleiner Nachtrag: Diese selbst erstellten Hörspielcassetten sind natürlich auch ein sehr wichtiges Dokument persönlicher Zeitgeschichte. Das sind viele kleine Dinge, die man nebenher so raushört. Beispielsweise wenn Mutter mitten in der Aufnahme reinplatzt und den Staubsauger (-> das Auto) haben will. Oder Vadder, der regelmäßig ranklopfungslos eingerauscht kommt und Sprüche loslässt: „Ihr müsst jetzt aufräumen“ oder „Habt ihr Eure Hausaufgaben gemacht.“ Und – besonders auf den frühen Kassetten – wie man sehr deutlich merkt, dass mein Bruder seinen lästigen kleinen Bruder nach Möglichkeiten piesackt oder gar loswerden will… Sehr bösartig. Sehr sehr bösartig…

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Ich hörte neulich jemanden sagen: „Guck mal, ’ne kleine Schnecke.“ Das erinnerte mich – schlagartig an ein Kapitel meiner Kindheit, von dem hier ein wenig berichten möchte. Warum die „kleine Schnecke“ diesen Erinnerungsschub auslöste, das wird sich gleich zeigen.

Ich habe die meines Erachtens etwas eigenartige Eigenheit, dass ich nur extrem schwer auswendig lernen kann. Mein Hirn weigert sich zum Beispiel seit einigen Monaten mit Händen und Füßen dagegen, ein paar mickrige mittelniederdeutsche Ablautreihen aufzunehmen. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich mir nichts merken kann. Ganz im Gegenteil. Ich erinnere mich sogar vieler Dinge sehr genau, die lange zurück liegen. Ich kann zum Beispiel ganze Passagen von Hörspielkassetten mitsprechen, die ich in der Kindheit besaß. Und eine bestimmte Sorte schoss mir nun wieder in den Kopf – die selbstproduzierten Hörspielcassetten.

Davon hatten wir – mein Bruder und ich – mit der Zeit eine ganze Reihe, ein gutes Dutzend bestimmt. Als wir damit anfingen, war mein Bruder bereits in der Schule, ich aber noch nicht. Ich mag wohl 4 Jahre alt gewesen, als wir irgendwie auf die Idee kamen, unsere eigenen Geschichten zu produzieren. Das Prinzip war recht einfach: Eine Gruppe von Charakteren, die wir alle selber sprachen, erlebte verschiedene „Abenteuer“.

Zu Beginn war das alles recht simpel. Die Protagonisten waren neben meinem Bruder und mir verschiedene Gestalten, die teilweise von uns erdacht waren – beispielsweise unseren Kuscheltieren nachempfunden oder irgendwelchen Comicfiguren, die mein Bruder erfunden hatte – oder waren anderen Werken entnommen. In den frühen Episoden übernahmen wir zum Beispiel Asterix und Obelix in unsere „Heldengruppe“, oder auch Max und Molli (die beiden sind vielleicht dem einem oder anderen aus einer sehr surrealen „Hallo Spencer“-Staffel bekannt).

Ab der dritten Folge unserer Reihe stieß ein Schulkamerad meines Bruders hinzu und mit ihm hielten weitere erdachte und entliehene Charaktere Einzug. Eine zentrale Person sollte der verfressene, unfähige und dusselige Klempner Walter werden, dessen Vorlage vielleicht manchem aus der Comicserie „Mein Gott Walter“ von Ibáñez („Clever & Smart“) geläufig ist.

Die Geschichten, die wir erzählten, waren zu Beginn simpel, wurden aber immer ausgefuchster und genialer. Unsere Dialoge waren teilweise abgesprochen, aber häufig spontan. Ein wiederkehrendes Thema war zum Beispiel der Urlaub. Das gab uns immer plausible Gründe für einen Standortwechseln. Und für eine Autofahrt. Unser Auto bekamen wir in Folge 5 und in der letzten Episode wurde es sogar zum Superwagen umgebaut. Es war uns immer eine helle Freude, die Autofahrten mit einem laufenden Staubsauger für den Hörer zu simulieren.

Aber wir waren für allerlei Neuerungen offen. Seit einer Science Fiction-Episode, in der die Gruppe von Außerirdischen angegriffen und der Großteil ihres Hauses ins All gesogen wurde, besaß die Truppe einen sogenannten Transmitter, den wir der obskuren Fernsehserie „Der Androjäger“ entnommen hatten. Im Prinzip war das so was wie eine Liege, die wie der aus Star Trek bekannte Transporter funktionierte.

Und wir hatten großartige Szenen. Wegweisend und ihrer Zeit weit voraus. Einmal wollten wir mit dem Transmitter in den Urlaub und nicht mit dem Auto. Jeder einzelne wurde „gebeamt“. Als Obelix sich auf den Transmitter legte, sagte Walter zu ihm: „Obelix, hier dein Gürtel. Sonst wabbelt dir deine Wampe doch so weg.“ Walter kassierte natürlich Schläge von Obelix. Crossovers sind heute Gang und Gäbe, aber auf ein Asterix/Mein Gott Walter-Crossover im Science Fiction-Milieu ist noch niemand gekommen. Und für klein-Termo, der damals begierig alles Wissen in sich aufsog, trat das Wort „Wampe“ in sein Leben. Heute hat er selber eine.

Oder die Schneckenszene. Eben jene war es, an die mich die oben erwähnte „kleine Schnecke“ erinnerte: Die ganze Truppe hatte zuvor unmengen von Geld im Lotto gewonnen – sechs Richtige plus Zusatzzahl (davon war mein Bruder damals überzeugt: man müsse sieben Zahlen ankreuzen). Jedenfalls ist die Truppe nun stinkreich. Walter trifft auf eine Schnecke: „Ohhhh… ne lüttje nüüt Snecksneck…. ooooh… de jauelt so. Die will bestimmt was zu futtern. Hier, Snecksneck, da hast nen Einemillionenmarkschein.“ *Essgeräusche* „Oha, die hat ja gewaltigen Hunger… AUA die blöde Snecksneck hat mir in die Hand abgebissen…“

Wenig später begegnet der genervte Walter der Schnecke wieder – und entdeckt, dass der Zipfel eines Geldscheins aus dem Schneckenhaus guckt. Er bemerkt, dass die Schnecke ihn betrogen und das Geld nicht gefressen, sondern einkassiert hat. Mit Hammer und Brecheisen verschafft er sich Zutritt zum Schneckenhaus auf und findet es vollmöbliert und mit teuerer Stereoanlage vor….

In der gleichen Episode hetzten missgünstige Nachbarn einen Trupp Ninjas auf die Gruppe, um ans Geld zu kommen. Im Halbschlaf hält der hungrige Walter die schwarzgekleideren Männer für „zehn fette schöne Hühnchen“, nur eben leicht angebrannt und frisst einen der fernöstlichen Mitbürger kurzerhand auf. Die anderen entkommen in Panik. Wenig später muss Walter auf Klo und scheißt den Ninja wieder aus. Aus dieser Szene entstammt der bekannte Ausruf: „Was für ein Tag heute! Heut Morgen war da ne Spinne im Klo, und jetzt ein ganzer Mann…“

Denkwürdig war auch das Fußballspiel: Die Truppe havariert mit einem Flugzeug im Nasenloch der Freiheitsstatue. Auf der anschließenden, nur von einer Kiste Mandarinen unterbrochenen Odyssee nach Hause kommen die Helden zufällig beim Finale der Fußballweltmeisterschaft vorbei. (1986 war das.) Hier soll die so genannte „Superdupermannschaft“ das Endspiel gegen Deutschland bestreiten, aber die Deutschen wurden schändlicherweise vergiftet. So springen unsere Helden kurzerhand ein. Ein ganz großer Spaß. Bei der Aufnahme hatten wir zum Beispiel keine Trillerpfeife zur Hand und behalfen uns daher mit einer rostigen Tröte. Sehr gut war das. Aber auch die Szenen. Unsere Truppe hatte zum Beispiel eine aberwirtzige Aufstellung, zum Beispiel zwei Torwarte im Kasten: einen Elefanten und eine Fledermaus. Der gegnerische Torwart wurde zwischendurch mit einem Lolli bestochen und mein Bruder bezeugte seinen Fußballunverstand, indem er mitten im Spiel eine Mannschaftsbesprechung anberaumte. Ich habe noch genau im Ohr, wie der Kommentator ungläubig ruft: „Bist du bescheuert? Der Gegner stürmt schon längst wieder und du machst hier ne Mannschaftsbesprechung!“ Ich mochte es auch, dass der Schiri mit der Zählung der Tore durcheinander kam und nach drei Treffern zur Halbzeit darüber ins Grübeln geriet und schließlich pi mal Daumen verkündete: „Sagen wir einfach mal, es steht 5:0.“ Am Ende haben wir aber noch gewonnen.

Ach ja, was gab es nicht alles noch für schöne Dinge. Das mechanische Schaf namens „Raissi“, dass konstruiert worden war, um heimlich andere Schafe zu fangen. Der skatspielende Hai Karl-Otto. Die riesige Ferienwohnung auf Hawai, die als kleine Palme getarnt war. Walter, der eine Toilette zur Weltraumrakete umbaut, im Weltraum angelangt dann aber diese nicht in ihrer ursprünglichen Funktion benutzen darf, daher notgedrungen aus dem Fenster pinkelt und dabei mit der fehlenden Schwerkraft hadert. Die Erznemesis, der Schurke Sockenfuß. Die Dorfschönheit Walterline („Du alte Fettsträhne!“). Der reiche Onkel in Liechtenstein (ungeahnte Aktualität). Und natürlich eine Mondfinsternis am helllichten Tage.

Das würden wir heute nicht mal mehr halb so witzig hinbekommen.

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„Bevor wir mit der Vorlesung anfangen: Wenn ihr schon mal in diesem Gebäude seid, dann besucht unbedingt das Pissoir im Keller. Sowas hab ich noch in keiner anderen Uni gesehen. Hoffentlich werden diese Höhlen da unten nie renoviert. Die Klosprüche sind allerdings von erbärmlicher intellektueller Qualität. Das letzte, was ich da gelesen habe, war ‚Peter treibts mit Maschendraht.'“

(Ich war dann tatsächlich mal unten. Was das eigentlich Klo angeht, hab ich zwar schon Schlimmeres gesehen, aber der Zugang zu den Toiletten ist tatsächlich recht weitläufig.)

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Ich persönlich bin mir ja bekanntlicherweise für keine wunderlicheSportart“ zu schade, wenn sich die passende Gelegenheit dazu ergibt. Heute war es mal wieder soweit.

Die Fachschaft der Nordistikstudenten hatte die Idee, ein Turnier in dem althergebrachten skandinavischen Spiel „Kubb“ auszurichten. Und da wir Frisistikstudenten organisatorisch zu den Nordisten gehören – bzw. die Denkfabrik des gesamten Instituts sind – haben wir uns gedacht, dass wir uns da mal guten Willens sehen lassen sollten.

Ums kurz zu machen: sportlich gesehen sind wir ziemlich unter die Räder gekommen. Die einzige von uns, die Erfahrung in dem Spiel hatte – unser Coach sozusagen -  war kurzfristig verhindert und so war das eher eine wenig erfolgreiche Angelegenheit. Da das ganze Spiel ja eh eine Schlacht symbolisieren soll, wäre es mirauch durchaus lieber gewesen, wenn man mit den Stöckchen kein Zielwerfen veranstaltet , sondern sich gegenseitig unter Beschuss genommen hätte. Naja. Elk sien Möög.

Ganz nebenbei ergab sich bei dieser Veranstaltung für mich aber auch die Möglichkeit, einem meiner Lieblingsbeschäftigungen nachzugehen. Und in diesem Fall meine ich nicht Essen (das gabs natürlich auch), sondern das Pflegen und gegebenenfalls die neue Aneignung von Vorurteilen, denn man hat noch nie so viele Nordisten auf einmal auf mich losgelassen.

Naja, im Prinzip war ich nur von einer Sache etwas enttäuscht: Als es anfing, ein klein wenig zu regnen, da stürmte die gesamte Nordistenschar in die Unterstände. Bei Romanisten hätte mich das nicht sonderlich überrascht, aber von Nordisten hätte ich das nicht erwartet.

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Tierfreundlich wie ich bin, habe ich die lästige Wespe hier nicht tot gehauen, sondern mit einem gezielten Schlag mit einer aufgerollten Rheiderland-Zeitungen quer durch den Raum aus dem Fenster befördert.

Aber hoffentlich erzählt die ihren Kollegen nicht, wie nett ich bin. Sonst kommen die alle zu mir.

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Vorlesung. Es werden Ausschnitte aus einem surrealistischen (oder so) französischen Film gezeigt. In einer Szene wird mit Anlauf ein kleiner Hund weggekickt. Dozent: „Wer lacht, kriegt keinen Schein.“

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Ein bisschen unheimlich ist mir die WG hier ja gelegentlich schon, muss ich zugeben. Heute fand ich auf’m Klo zum Beispiel eine lateinische Ausgabe von Ovids Metamorphosen. Nix gegen eine anständige Toilettenlektüre. Aber ich hätte hier in so einer Frauen-WG eher die „Brigitte“, „Fashion & Style“ oder von mir auch „Neon“ erwartet. Aber jedem das Seine. Wenn man sich auf dem Locus lieber in die Hexameterstruktur von Philemon und Baucis vertiefen will, dann sei es einem gegönnt. Aber hinterher nicht behaupten, Latein sei scheiße.

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Es gibt ja so Tage, wo man sich denkt: „Heute mache ich mal ganz was Verrücktes.“ Heute flog mir also kurz vor dem Mittagessen der Gedanke zu: „Du holst dir heute einfach mal das vegetarische Essen, ohne vorher auf die Karte oder die Auslage zu gucken, was es gibt.“

Das tat ich dann auch. Aber hinterher fragt man sich immer, wie man auf solche Schnapsideen kommt und warum man sie dann auch noch ausführt. Nach dem Essen habe ich mich dann jedenfalls auch nicht mehr getraut nachzusehen, was ich wohl gerade eben gespeist hatte. Ich habe nur folgenden Anhaltspunkt: Es schmeckte nach gar nix. Und das war dem Aussehen nach zu urteilen das Beste, was man geschmacklich aus dem Zeug rausholen konnte.

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Bei der Boßel-Europameisterschaft in Irland haben die irischen Gastgeber die Ost-Friesen ganz elendig abgezogen und im Straßenboßeln alle Medaillen gewonnen. Bei den Herren haben die Iren sogar die Plätze 1 bis 9 belegt. Und warum? Eine ganz perfide Methode der Gastgeber: Die Strecke, welche die Iren für die Wettkämpfe im Straßenboßeln ausgewählt hatten, ging bergauf. Sowas kann man beim besten Willen in Ostfriesland nicht trainieren.

Gegen den Wind kann man ja in Ostfriesland leider Gottes keine Strecke abstecken. Im Gegensatz zu zu irischen Bergen bewegt sich der friesische Wind manchmal.