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So. Ich habe die menschenverachtende Klausurenphase durchaus erfolgreich überstanden und jetzt kriege ich zum ersten Mal seit einer Woche wieder Hunger. Schon mal ein gutes Zeichen. Aber es ist natürlich typisch, dass ausgerechnet jene Klausuren, die auf der Kippe stehen, auch mit den Ergebnissen am längsten auf sich warten lassen. Das genaue Gegenstück davon findet sich im anderen Fach: mittags schreibt man die erste Klausur und wenn man abends zur zweiten Klausur des Tages wieder anrückt, teilt der Professor einem erst einmal mit, das die erste Prüfung schon mal ganz anständig geworden ist.

Nach dem Prüfungsmarathon verschlug es mich dann gestern Abend zum Runterkommen nach Nordfriesland, wo ich ein Fußballspiel der Nordfriesischen Frauennationalmannschaft gegen eine Rio-Reiser-Auswahl erleben durfte. Drei Eigentore, die Mädels haben 7:3 gewonnen, hab mich amüsiert.

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„Aurelius kauft Schnapsbrenner Berentzen: Finanzinvestor Aurelius gab am Dienstag bekannt, sich mit den Eignerfamilien auf die Übernahme von 75,1 Prozent der 4,8 Millionen Stammaktien der Berentzen-Gruppe AG geeinigt zu haben. 24,9 Prozent der Stammaktien sollen in Familienbesitz bleiben. Weitere 4,8 Millionen stimmrechtslose Vorzugsaktien befinden sich in Streubesitz. Aurelius kündigte an, allen Berentzen-Aktionären ein öffentliches Übernahmeangebot zu unterbreiten. Für die Vorzugsaktien werde das Angebot auf 2,68 Euro lauten.“ (NDR)

Für 2,68  Euro verkaufe ich meine Aktie nicht. Da muss schon mehr kommen.

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Ach ja. In der abschließenden Sitzung meiner immer wieder für Erheiterung sorgenden Medienvorlesung sahen wir einen großartigen Film aus den 30ern. Ging um Selbstreferenz und so und wie früh im Tonzeitalter Hollywood sich selbst parodierte und sowat all. Ich hab mich aber vor allem köstlich amüsiert.

Es geht darin zunächst um einen Schauspieler und seinen Produzenten, die in Sorge sind, weil ihnen für ihre „Schnarzan der Eroberer„-Reihe das Publikum wegläuft. Denn die falschen Löwen im Film sind dem Publikum nicht mehr furchterregend genug. Da ergibt es sich, dass ein Baron Münchhausen in die Stadt kommt, dem die furchterregendsten Löwen landauf landab gehören sollen. Um ihn gewogen zu machen und ihm die Löwen abkaufen zu können, wird dann eine große Party veranstaltet, wo die ganzen oberen Zehntausend Hollywoods anwesend sind.

Und auf dieser Party passiert dann allerhand. Schnarzans Konkurrent schleicht sich herein und will die Löwen auch haben. Baron Münchhausen kommt mit einem Gorilla auf die Party. Die drei Stooges lungern da auch herum und schließlich taucht sogar Micky Maus auf der Party auf, woraufhin der Schwarweiß-Film kurzzeitig in eine farbige Zeichentricksequenz wechselt (Der Krieg zwischen den Schokoladensoldaten und den Lebkuchensoldaten).

Der Höhepunkt den Films ist aber erreicht, als Stan und Olli auftauchen und Baron Münchhausen zu sprechen wünschen. Er habe ihnen ihre Löwen mit einem Scheck über 50.000 Tiddlywinks (dt. Dattelquattel) abgekauft und dieser Scheck lasse sich nicht einlösen. Wie dem auch sei, nach einem Intermezzo an der Bar mit rohen Eiern sprengen Stan und Olli am Ende die Party, indem sie die Löwen freilassen.

Großes Kino, aber passte leider nicht ganz in meine Klausurvorbereitung. Man wat sall’t.

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Jüngst löste sich übrigens das Rätsel um die extrem nervösen und aggressiven Möwen bei der Uni. In einem Seminar schrien die Viehcher draußen vorm Fenster gerade wieder kolossal und der Professor war extrem genervt. „Die Möwen sind ganz schlimm dieses Jahr. Das habe ich in meinen 20 Jahren hier an der Uni noch nicht erlebt. Das kommt davon, weil die Möwen hier am Gebäude Nester haben. Und wissen Sie wo die brüten? Ausgerechnet da oben bei den Altphilologen im 5. Stock!“

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Ach, was für eine Wonne. Als ich gerade in den schmierigen kleinen Einkaufsladen hier um die Ecke ging, schwappte mir eine riesige Kakaowelle entgegen. Wie im Schlaraffenland. Hätte nur noch Schnitzel regnen müssen.

Ich habe leider nicht miterleben dürfen, wie diese kleine Wunder des Alltags zustande gekommen ist, aber ein etwas bedrüppelt aussehender junger Mann in kleidsamer Supermarktuniform war dabei, Scherben zusammenzukehren.

Im hinteren Teil des Ladens sah ich dann einen wichtig aussehenden Mann herangeeilt kommen, der auf halber Strecke auf einen anderen Angestellten traf. „Was ist denn da vorne passiert?“ – „Das willst du gar nicht wissen.“ – „Was, der Michi schon wieder?“

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Die Großstadt macht einen mürbe und die Universität bringt einen langsam aber sicher darum, sich vernünftig auf Deutsch ausdrücken zu können. Und an der Bushaltestelle schnappte ich heute den bedeutungsschwangeren Satz auf: „Nur weil ich Sex mit ihm habe, will ich ja nicht gleich mit ihm schlafen.“

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Es ist ja nun mittlerweile so, dass man im Studium für seine Leistungsnachweise auch wirklich eine Leistung erbracht haben muss. An diese Leistung wird nun qualitativ gar nicht mal ein großer Anspruch gestellt, es geht einfach nur um die Zeit, die man zu arbeiten hat. Daher werden jeder Veranstaltung eine gewissen Anzahl an Leistungspunkten zugeordnet. Und jeder dieser Leistungspunkte entspricht exakt 30 Stunden Arbeit. Da kann man mal sehn. Präzisionsarbeit.

Und damit die Studenten auch ja genug Leistungspunkte pro Semester zusammenbekommen, um nach 6 Semestern als hochqualifizierte Baakkalaurei dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen, müssen entsprechend viele Arbeitsstunden generiert werden. Und wenn die Prüfungsämter Not haben, dass ein Kurs nicht genug Arbeit abwirft, dann gibt es eine simple Methode, die Arbeitsstundenzahl zu erhöhen: Es werden den Kursen haufenweise Pflichtlektüren zugeordnet. Und damit diese Bücher auch ja gelesen werden, ist ihr Inhalt hochgradig klausurrelevant.

Nichts gegen Arbeit und auch nichts dagegen, interessante Bücher zu lesen. Dennoch wundert mich das eine oder andere Husarenstück doch ein wenig. Mein persönlicher Favorit ist ein 1200 Seiten umfassender Gesamtüberblick zur mittelalterliche Literatur. Selbst der Professor hat nicht ganz erschließen können, warum ausgerechnet dieser Schinken zur Pflichtlektüre erkoren wurde, denn darin würde nur eine unendliche Masse an Namen und Daten an uns vorbeirauschen, ohne dass davon ernsthaft was hängen bleiben würde. Denn auswändiglernen könne man das Buch ja auch nicht. (Oder vielleicht schon, aber dafür wären die angesetzten Leistungspunkte x 30 Stunden dann doch ein wenig zu gering angesetzt.)

Wie dem auch sei, irgendjemand in einer Position mit entsprechender Amtsgewalt sieht das anders, und so liest man das Buch halt. Aber ich habe keine Ahnung, wie das Abprüfen des Stoffes in der Klausur aussehen soll. Zumal ich merke, dass vor allem eher unwichtige Details bei mir hängen bleiben als das große Ganze. Zum Beispiel folgende Episode aus einem kleinen Exkurs zu Heiligenlegenden und Wundergeschichten:

„Eine Mutter betet vergeblich zu Maria um die Freilassung ihres in Gefangenschaft geratenen Sohnes. Sie geht daraufhin kurzerhand in die Kirche und klaut der Marienstatue ihr Jesuskind, das sie Zuhause wegschließt. Darauf macht sich die Heilige Maria schleunigst daran, den gefangenen Sohn zu befreien, um ihr eigenes Kind auszulösen.“

Das erinnert mich nämlich fatal an die Platte von Jürgen von Lippe damals in den 80ern, wo der kleine Junge im Schlafzimmer seiner Eltern das Marienbild von der Wand nimmt , zuunterst in den Schrank stopft und dann aggressiv betet :“Jesus! Wenn du deine Mutter noch mal wiedersehen willst, dann krieg ich ein Skateboard!“

Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass die in der Klausur nach Jürgen von der Lippe fragen.

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Ich habe mich heute einmal mehr in den Dienst der Wissenschaft gestellt und zahlreiche Beispielsätze für ein groß angelegtes Uni-übergreifendes Forschungsprojekt zur Norddeutschen Umgangssprache eingesprochen. Da benötigten die dringend einen Ostfriesen für.

Das klang alles erst einmal ganz simpel. Ich sollte standarddeutsche Sätze einsprechen, in denen jeweils ein niederdeutsches Merkmal untergebracht war. Das Problem: alles andere im Satz musste zumindest halbwegs der deutschen Rechtlautung entsprechen. Da lernt man dann so einiges. So bin ich offenbar nur unter größter Konzentration in der Lage, in einem normalen Redefluss ein langes O auch tatsächlich so auszusprechen und nicht irgendwie am Ende zumindest ein leichtes OU drin zu haben. Ähnlich anstrengend ist es, tatsächlich auch immer ist und nicht anstelle von is und nich zu sagen.

Noch schwieriger war es gelegentlich, nach dem niederdeutschen Merkmal eines Satzes wieder ins Deutsche zurückzukehren. Ein Satz wie „Ich geh später noch nach Müllers“ war da weniger ein Problem. Aber in „Du machst, wat ich dir sage“ tatsächlich nach dem wat auch ich zu zusagen, und nicht ik, das brauchte doch ein paar Anläufe.

Aber dafür wurde ich für meine schöne Aussprache von Wörtern wie Stöache (Störche), waaten (warten), Kiache (Kirche), genuch (genug) und sowat all gelobt.

Und ich habe gelernt, dass sich Kaffee in diesen Breiten auf Affe reimt.