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Am vergangenen Wochenende bot sich mir einmal wieder die Gelegenheit, in meine alte Journalistenhaut zu schlüpfen, die ansonsten zur Zeit leider meistens im Schrank hängt und verstaubt. Mir bot sich nämlich dankenswerterweise die Gelegenheit, als Sidekick die Pressekonferenz zur Show der WWE Wrestlemania Revenge Tour in Berlin zu besuchen. Man hat ja nur selten Möglichkeit, die Jungs von Angesicht zu Angesicht zu sehen, die sich sonst im Fernsehen gegenseitig grün und blau schlagen, um der Masse eine gute Show zu bieten. Wrestling (oder Action Soaps, wie man neuerdings sagt) ist ja meines Erachtens eine großartige Unterhaltung. Gute Zeiten Schlechte Zeiten mit Hauerei. Und dass nicht alle Leute da nur muskelbepackte Holzköpfe sind, sondern der eine oder andere auch jenseits des inszenierten Schaukampfes durchaus Entertainer-Talente besitzt, durfte ich letzten Sommer mit The Miz erleben.

Diesmal war es nicht The Miz, der sich der Presse stellte, sondern der legendäre Chris Jericho und R-Truth. Und das war auch ganz launig. Viel Zeit hatte die versammelte Journaille zwar nicht, um die beiden auszufragen, aber nun denn. Aufschlussreich war zum Beispiel das Gelächter, in das die beiden ausbrachen, als man sie nach ihren liebsten Freizeittätigkeiten befragte. „Time off? What’s that?“ Freizeit hätten sie eher selten, gerade wenn sie auf Tour seien. Trotzdem hatte man nicht den Eindruck, als seien die beiden unzufrieden mit ihrem Dasein. Und Zeit für scharfsinnige Beobachtungen kultureller Eigenheiten haben sie offenbar auch noch.

Das deutsche Publikum, so Jericho, habe eine ganz bestimmte Eigenschaft. Und zwar seien die Deutschen immer im krassen Wechsel laut und wieder still, laut und wieder still, laut und wieder still. Da müsse man sich erst einmal dran gewöhnen. Schlimmer sei es aber in Japan, denn da sei das Publikum nur still und man habe immer das Gefühl, die Show sei scheiße.

Hoch interessant war dagegen für mich zu beobachten, wie die beiden auf dem schmalen Grat zwischen ihrer Storyline-Rolle und ihrer wahren Persönlichkeit wandelten. Wenn Jericho bekundete, dass er „Brock Lesnar’s ass“ kicken würde oder R-Truth auf einen leeren Stuhl in der ersten Reihe deutete und behauptete, sein Freund Little Jimmy würde dort sitzen („He is a little bit excited“), dann gingen sie ganz in ihren Rollen auf.

Daneben erfuhr man aber auch ganz andere Dinge, dass R-Truth’s Jugendidol MC Hammer gewesen sei oder dass Jericho mit seiner Band an neuer Musik arbeitet. Schön war auch Jerichos Geschichte, als er nach deutschem Bier gefragt wurde. Und zwar sei er in seiner Hamburger Zeit einmal an deutsches dunkles Bier geraten. Er habe nur ein paar davon getrunken und das nächste, an das er sich erinnere, sei, dass er ohne Geld und mit einem Pornoheft in St. Pauli wach wurde. So kanns kommen.

So interessant das alles auch war und so gut sich die Hauerei danach in der Halle anließ – die eigentliche Show des Tages hatte davor schon stattgefunden, und zwar in der Zeit, als wir auf die beiden Wrestler warteten. Diese Geschichte könnte man mit der Frage überschreiben: „Wie viele PR-Leute braucht es, um einen Fernseher auszuschalten?“

Das war alles sehr bizarr irgendwie. Anfangs kam einem das alles noch ganz normal vor, wir kamen rein und wurden von den PR-Mitarbeitern umsorgt und während wir warteten, lief auf einem großen Fernseher ein Imagevideo der WWE in Dauerschleife. Der Saal füllte sich langsam mit Pressevertretern und da merkte ich schon, dass das journalistische Volk in Berlin doch ein bisschen anders ist, als damals im Rheiderland. Nichts gegen die Kollegen, aber als der Fotograf einer Berliner Zeitung sich nervös seine kahle Platte puderte, fing es an, sich arg unwirklich anzufühlen.

Dann kam man auf den Gedanken, uns die Wartezeit zu verkürzen und schickte einen Menschen nach vorne, der uns was über irgendso eine Jugendmesse erzählte. Da dachte ich dann eine Sekunde lang, ich säße in der falschen Presskonferenz. Das hatte nämlich überhaupt nichts mit der WWE-Veranstaltung zu tun und ich habe noch immer nicht begriffen, was das überhaupt sollte. Während ich aber trotzdem gewohnheitsmäßig, pflichtschuldig und ganz oldschool mitschrieb (da war ich irgendwie der einzige, auch später bei den Interviews), wurde der Vortrag immer bizarrer und bizarrer. Das einzige, was davon bei mir irgendwie hängen blieb, war „Cross-Boccia“. Er begann nämlich, über Trendsportarten zu schwadronieren und landete dann bei „Cross-Boccia“. Das sei wie Boccia, wie man es kennt, nur man würde die Kugeln nicht einfach in den Sand werfen, sondern in irgendwelche 3D-Umgebungen. Heel wat Neeis. Das merken wir uns mal. Erinnert mich ein wenig an 3D-Schach aus Raumschiff Enterprise.

Cross-Boccia. Dieses Wort ging mir den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf. Naja, irgendwann kündigte sich jedenfalls das Eintreffen von Jericho und R-Truth an, deswegen wurde schnell noch einer Stellwand mit dem WWE-Logo auf die Bühne gestellt, vor dem die beiden dann Sitzen sollten.

Aber da war ja noch der Fernseher, dessen leuchtender Bildschirm unangenehm durch den dünnen Stoff der Stellwand schien. Und das folgende Schauspiel war dann mein Höhepunkt des Tages. Geschätzte zehn Minuten lang durften wir verfolgen, wie sich eine steigende Anzahl von Personen darum bemühte, den Fernseher abzuschalten. Irgendwie gelang es ihnen dann doch noch gerade rechtzeitig, aber wie genau, das ist mir entgangen. Wahrscheinlich haben sie den Stecker gezogen.

Ach ja. Wieviele PR-Menschen braucht man denn nun, um einen Fernseher auszumachen? Genau fünf.