Vorwort

Im Rahmen meines wissenschaftlichen Tuns entstehen ja immer wieder Texte, die letztendlich nur von wenigen Leuten gelesen werden. Manchmal stört das nicht, aber immer mal wieder ist das doch recht schade, dass diese Machwerke dann in der Schublade verschwinden. Daher erweist es sich immer als angenehm, wenn ich doch noch eine Gelegenheit bekomme, solch ein Werk an die Öffentlichkeit zu bringen. Vergangenes Jahr habe ich es zum Beispiel geschafft, meinen Klöten-Aufsatz („the balls paper“) noch in einem Buch unterzubringen. Aktuell ist es aber ein bisschen anders herum gestrickt. Ich verfasste gerade eine Abhandlung für ein Sammelwerk, das aber wohl nicht so viele Leute in die Finger kriegen werden. Daher sei der Text in leicht überarbeiteter Fassung an dieser Stelle noch einmal wiedergegeben.

Charly / Charly Schandali

Mein Beitrag ist einer Besonderheit des nordwestdeutschen Raumes gewidmet. Es geht um das Getränk, das gemeinhin „Charly“ genannt wird und vor allem in Ostfriesland und im Oldenburger Land bekannt ist. Kulturelle Bedeutung hat es insbesondere dadurch gewonnen, dass es für Generationen von Heranwachsenden die Initiation in den Alkoholkonsum jenseits des Bieres darstellte und somit für so manche denkwürdige Episode in den legendenhaften Erzählungen verantwortlich ist, die seit jeher von den Eltern an ihre Kinder weitergegeben werden.

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In Ostfriesland – besonders auf den Dörfern – hat sich eine ausgefallene Charly-Kultur herausgebildet, auf die sich die nachfolgenden Beschreibungen im Speziellen beziehen. In weiten Teilen der ostfriesischen Halbinsel hat das Getränk den Beinamen „Schandali“ (sprich „Schgendaoli“) erhalten. Das Wort „Schandaal“ steht im ostfriesischen Platt für jegliche Art von Aufruhr, Lärm, Geschrei und lautstarkem Zank. Der „Charly Schandali“ symbolisiert dabei wie kein zweites Getränk die lebensbejahende Trinkkultur dieses Landstrichs. Der selbstkritische Geist des Ostfriesen spiegelt sich dabei in besagtem Zunamen „Schandali“ wieder. Ein erfahrener Genießer weiß nämlich um die Konsequenzen, die bereits mit dem ersten Schluck des Getränks ihren Lauf nehmen. Verhindert wird durch dieses Wissen allerdings selten etwas. Der „Charly“ ist zudem universell einsetzbar: als vollwertiges Frühstück, als veganes Mittagessen oder auch als Betthupferl, um den Magen zu schließen.

Kommen wir schließlich zur Zubereitung dieses Kleinods der ostfriesischen Cuisine. Trotz des kulturellen Impakts und des philosophischen Einflusses religiösen Ausmaßes, den das Getränk hinterlassen hat, sind lediglich zwei Zutaten vonnöten: Cola und Weinbrand.

Allerdings gibt es hier feine Unterschiede. Seinen Namen erhielt der „Charly“ den Legenden zufolge vom bekannten „Scharlachberg“. Heute gilt jedoch Chantré als die Substanz der Wahl. Der ehrliche Kenner weiß aber auch, dass im Grunde alles, was braun ist und zwischen 30 und 45 Volumenprozent Alkohol in sich trägt, für die Zubereitung geeignet ist. Eine Ausnahme bildet das Produkt „Melchers Rat“, das einer ostfriesischen Küchenweisheit zufolge nur eingesetzt werden sollte, wenn man Hass auf seine Gäste verspürt.

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Auch bei der Cola gibt es Gestaltungsspielraum. Prinzipiell eignet sich für das Mischen eines „Charly“ jedes Colagetränk, das auf dem Markt zu finden ist und keine zuckerfreie Variante darstellt. Dem Experten ist aber bekannt, dass besonders das vordergründig günstige Produkt „River Cola“ den „Charly“ eher veredelt und ihm mehr Kraft im Abgang (gemeinhin als „rülpsen“ oder „röhren“ geläufig) verleiht. Der echte „Charly Schandali“ sollte mit eben dieser „River Cola“ angerichtet werden.

Zu guter Letzt noch ein Wort zum Mischverhältnis von Weinbrand und Cola, über das bereits zahlreiche Küchenchefs, Thekenkräfte und Alchemisten sowohl Arbeitsstelle als auch Berufsehre verloren haben. Auch wenn es Zeitgenossen gibt, die eine „Mach, wie es dir am besten schmeckt“-Linie fahren, gilt doch, dass bei einem echten „Charly Schandali“ der Weinbrandanteil mindestens 40 Prozent betragen sollte. Bei Konsumenten unter dem Alter von 23 Jahren wird es sogar mitunter als ausgesprochene Beleidigung aufgefasst, wenn dem Getränk ein deutlich geringeres Mischverhältnis anzuschmecken ist. Von Verdünnung und Verfälschung durch fremde Elemente, z.B. Eiswürfel oder Limettensaft, ist im Sinne des Hausfriedens ebenfalls tunlichst abzusehen. Schließlich geht auch noch das Gerücht vom sogenannten „geselligen Charly“ um, bei dem zum einen die Konversationsfähigkeit der Trinkrunde möglichst lange aufrechterhalten werden soll, zum anderen eine einzelne Flasche Weinbrand für möglichst viele Gläser des Mischgetränks herhalten muss. Diese Variante mag in Einzelfällen ihren Zweck erfüllen, mit dem echten „Charly Schandali“ hat diese Praxis jedoch wenig zu tun.

Noch einmal kurz zusammengefasst, lautet das Rezept in seiner Quintessenz also folgendermaßen:

Charly fertig

Benötigt werden:

  • eine Flasche Chantré
  • eine Flasche River Cola
  • ein Trinkgefäß

Man nehme das Trinkgefäß und gebe den Chantré hinein, bis es zu vier von zehn Teilen gefüllt ist. Anschließend fülle man es mit der River Cola auf. Fertig.

Wohl bekomm’s.

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